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17. September 2026 · Blog

Berberin: Was die EFSA-Sicherheitsbewertung 2026 wirklich bedeutet

Berberin wird in sozialen Netzwerken als pflanzliche Alternative zu Ozempic beworben: gleicher Effekt auf Blutzucker und Gewicht, ohne Rezept. Die EFSA kam in ihrer aktuellen Sicherheitsbewertung zu einem deutlich vorsichtigeren Schluss, und der betrifft nicht nur die Wirkung, sondern die Sicherheit selbst.

Was Berberin ist, und woher der Vergleich zu Ozempic stammt

Berberin ist ein Alkaloid, das in mehreren Pflanzen vorkommt, darunter Berberitze (Berberis vulgaris), Berberitze aus dem Himalaya (Berberis aristata) und Gelbwurzel (Hydrastis canadensis). Der Vergleich zu Ozempic stützt sich auf Labor- und Tierstudien, die einen Effekt auf den AMPK-Signalweg zeigen, denselben Stoffwechselweg, über den auch Metformin wirkt. Nach Angaben des amerikanischen National Center for Complementary and Integrative Health gibt es dazu bislang nur sehr wenige, überwiegend asiatische Studien am Menschen, mit unzureichender Datenlage für eine gesicherte Aussage zur Gewichtsreduktion.

Was in Deutschland und der EU aktuell erlaubt ist

Berberin selbst darf in der EU derzeit nicht als isolierter Stoff in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet werden. Die Rinde und Wurzelrinde der Berberitze sind in der EU als Arzneimittel mit einer Negativmonographie eingestuft, laut Verbraucherzentrale ein rechtlicher Status, der von einer Zulassung als sicherer Nahrungsbestandteil weit entfernt ist.

Die EFSA-Bewertung von 2026, und warum sie über einfache Nebenwirkungen hinausgeht

Am 29. Januar 2026 hat das zuständige EFSA-Gremium (NDA-Panel) den Entwurf einer wissenschaftlichen Stellungnahme zu pflanzlichen Zubereitungen mit Berberin gebilligt. Die Bewertung wurde von der Europäischen Kommission angestoßen, nachdem die französische Behörde ANSES zuvor einen toxikologischen Richtwert von 1,7 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt hatte, ein sehr niedriger Wert im Vergleich zu den Dosierungen, die in vielen Nahrungsergänzungsmitteln üblich sind.

Zwei Punkte aus dem Entwurf verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie über die üblichen Warnhinweise zu Magen-Darm-Beschwerden hinausgehen.

Erstens: Das Gremium fand Hinweise auf Gentoxizität von Berberin in vitro, also in Zellkulturen, mit Anzeichen für Genmutationen und Chromosomenschäden. Eine Bestätigung dieser Befunde im lebenden Organismus, insbesondere an den Kontaktstellen der Aufnahme wie Magen-Darm-Trakt und Leber, fehlt laut Bewertung bislang.

Zweitens, und das betrifft eine bestimmte Quellpflanze, nicht Berberin im Allgemeinen: Zubereitungen aus Wurzel und Wurzelstock von Hydrastis canadensis (Gelbwurzel) zeigten in Tierversuchen Hinweise auf krebserregende Wirkung, insbesondere Leberadenome bei Nagetieren. Die Bewertung kommt zu dem Schluss, dass der Verzehr von Gelbwurzel-Zubereitungen ein krebserregendes Risiko für den Menschen darstellen könnte.

Aus diesen und weiteren Datenlücken zieht die EFSA eine klare Konsequenz: Für keine der untersuchten berberinhaltigen Pflanzenzubereitungen lässt sich derzeit eine sichere Aufnahmemenge für den Menschen festlegen.

Was das für ein Produkt im Handel bedeutet

Wenn du ein Produkt mit Berberin oder Berberitzen-Extrakt siehst, prüft der Verkauf in der EU rechtlich gesehen eine Grauzone, in der isoliertes Berberin eigentlich nicht als Nahrungsergänzungsmittel zulässig ist. Die öffentliche Konsultation zur EFSA-Bewertung war ursprünglich bis zum 4. Mai 2026 angesetzt und wurde bis zum 10. Juli 2026 verlängert, das endgültige Ergebnis kann die Bewertung noch verändern.

Bekannte Wechselwirkungen und Nebenwirkungen

Über die aktuelle Sicherheitsbewertung hinaus sind für Berberin bereits länger Nebenwirkungen und Wechselwirkungen dokumentiert. Die Verbraucherzentrale nennt unter anderem Benommenheit, Nasenbluten, Erbrechen, Durchfall sowie Nieren­reizungen bei höheren Dosen, dazu eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber UVA-Strahlung. Ab etwa 400 Milligramm täglich sind pharmakologische Effekte auf Herz-Kreislauf-System, Nervensystem und Immunsystem beschrieben. Wechselwirkungen sind bekannt mit Sulfonylharnstoffen (Diabetesmedikamente), Immunsuppressiva, sowie mit anderen gerinnungshemmenden Mitteln wie Knoblauch, Ingwer, Ginkgo oder Ginseng.

Was das für dich in den Wechseljahren bedeutet

Wenn Berberin dir speziell für Gewichtszunahme oder Stoffwechselveränderungen in den Wechseljahren empfohlen wurde, lohnt sich ein Gespräch mit deiner Ärztin, bevor du es nimmst, insbesondere wenn du bereits Medikamente gegen Diabetes, Bluthochdruck oder eine Blutverdünnung einnimmst. Die aktuelle Datenlage stützt weder eine sichere Tagesdosis noch eine belastbare Wirkung speziell für diese Lebensphase.

Fazit

Berberin ist kein einfaches "pflanzliches Ozempic". Die EFSA hat 2026 in ihrem Bewertungsentwurf ernsthafte Sicherheitsbedenken formuliert, darunter Hinweise auf Gentoxizität und, bei einer bestimmten Quellpflanze, auf krebserregende Wirkung in Tierversuchen. Bis eine sichere Aufnahmemenge feststeht, ist Vorsicht die angemessene Reaktion, unabhängig davon, was Marketing-Texte versprechen.

Quellen

Verbraucherzentrale: Berberin zum Abnehmen? (verbraucherzentrale.de/faq/berberin-zum-abnehmen-31181)

GOV.UK, Committee on Toxicity: Draft Scientific Opinion on the safety of plant preparations containing berberine, 30. Juni 2026 (gov.uk/government/publications/31st-march-2026-committee-on-toxicity-meeting)

National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH): Berberine

EFSA: Call for data / draft opinion on plant preparations containing berberine (efsa.europa.eu)